60 Jahre Phillip Haas & Söhne Meisterwerkstätten
- Aufgetischt für Merkel und Dallmayr

Bad Reichenhall. 1958: Papst Pius XII. erklärt die heilige Klara von Assisi zur Schutzpatronin des Fernsehens, Phillip Haas gründet eine Schreinerei in Bad Reichenhall. Klara hat klar versagt, der Patron der Schreiner nicht: Als Lebensabschnittspartner der Gottesmutter hatte der heilige Joseph wohl bessere Karten für seine Klientel, die er als selbstständiger Zimmermann zumindest für Phillip Haas klar auszuspielen wusste. Doch eine Selbstverständlichkeit war das keineswegs. Bevor Phillipp Haas und seine Familie auf die Erfolgsspur wechseln konnten, gab es mehr zu bestehen, als man heute vermuten könnte.

Haas senior, der 2015 im hohen Alter von 94 Jahren verstarb, war gebürtiger Serbe und kam nach russischer Kriegsgefangenschaft mit einem alten Fahrrad und 50 Mark 19XX nach Reichenhall. Hier konnte er 1958 seinen eigenen Betrieb gründen – zuerst eine Möbelwerkstätte -, der sich durch Qualität und Zuverlässigkeit rasch einen guten Namen schaffen konnte.
Das berufliche und private Glück der Großfamilie mit acht Kindern wurde durch den frühen Tod der Mutter Vorname mit nur 54 Jahren 1981 jäh unterbrochen. Ein dramatischer Schicksalsschlag, der den Senior nicht nur zu Tode betrübt, sondern lange Zeit lähmt. Sohn Johannes, 1963 als fünftes Kind geboren, erweist sich als Retter der Firma, seine Frau Constanze steht ihm tatkräftig zur Seite.
Sie arbeiten nach der Maxime des Vaters und Schwiegervaters „Vertrauen ist mehr als Bargeld“ und die absolute Orientierung an den tradierten Gestaltungs- und Qualitätsmaßstäben beweist: Der Kurs ist richtig.

Wachset und mehret Euch!

Als 1984 Bruder Friedrich, Jahrgang 1966 und Nummer 6 der Haas-Kinder, mit in die Firma einsteigt, sind Dimensionen erreicht, die jede Hand gebrauchen können.
Vorzeigeprojekte wie die Ausstattung des Nobel-Hotels Mandarin in München und XX in Zermatt belegen das mittlerweile überregionale Renommee der meisterlichen Werkstätten aus Bad Reichenhall. Mit Zermatt ist auch der Sprung in die internationale Liga geschafft: Es folgen Projekte in Budapest, im „TT“ –Jahr die Ausstattung von Audi auf der IAA und neben zahlreichen anderen Aufträgen gilt es auch noch die Haas-Leidenschaft von Heinz Oestergaard aufzufangen – DIE Designikone der deutschen Nachkriegszeit. Der „Mode-Professor“ will ohne die Kunstfertigkeit, den Ideenreichtum und die Kreativität der Reichenhaller fast nichts mehr präsentieren.

Und so kommt es, dass die Kunstsymbiose Ostergaard-Haas als einzige lebende Künstler im Museum für angewandte Kunst in Berlin ausstellen. Dieser Nobelpreis der Wahrnehmung ruft Pierre Cardin auf den Plan, der ebenfalls auf die exclusiven Kreaktionen der Haas-Familie setzt.Die Summe der Erfolge legt eine Erweiterung nahe und so kommt 1996 der zweite Standort im nahen, salzburgischen Unken dazu. Alle diese Herausforderungen meistern die Buben, aber der Papa gehört bei aller anhaltenden Trauer immer mit dazu. „Er war nie Bremse“, erinnern sich Johannes und Friedrich, „ganz im Gegenteil trieb er uns immer zu Innovationen und Investitionen an.“ „Vollgas-Unternehmer“ lautet somit der interne Ehrentitel für den Vater. Und dieser sieht, dass Familie und Betrieb bestens harmonieren. Die dritte Generation wächst ebenfalls durchaus zahlreich heran, die Geschäfte laufen gut – und so kann der Senior guten Gewissens 2006 die komplette Leitung an Johannes und Friedrich übergeben. Und was ist mit den anderen sechs Geschwistern?„Da gab es zum Glück nie Probleme“ bekräftigen beide. „Denn unser Engagement bedeutet ja auch 100 Prozent Risiko, Verantwortung und Arbeit. Da ist kein Platz für Neid oder Mißgunst.“

Die Welt will Haas

Noch vor der Übergabe kommt ein weiteres Großprojekt 2005 dazu – die Ausstattung des neuen Interconti-Hotels auf dem Obersalzberg – und so spektakulär wie exclusiv: 2007 Schloss Ellmau, das nach dem verheerenden Brand wahrlich ganze Kunstfertigkeit nötig hat.

„Europa ist nicht genug“ lautete wohl die hausinterne Bond-Version und so kommen ab 2011 Aufträge in Übersee dazu: Ein Nobel-Penthouse in San Diego und Messestände für Sony in den USA – neben denen in London oder Göteborg natürlich.

Nicht zu vergessen: Das alles sind nur die Highlights – man möchte fast vergessen, dass „nebenbei  noch eine ganz normale Schreinerei weiterläuft“, wie Friedrich es bescheiden und stolz formuliert. Ihre Akkuratesse, ihre Handwerkskunst, ihre Zuverlässigkeit und ihre Handschlagsqualität hinterlassen Spuren. Spricht man mit Haas-Kunden, hat man den Eindruck, aus Auftraggebern werden Fans. Und so kommts, dass natürlich niemand anderer für Sitz und Tisch des G7-Gipfels in Ellmau sorgen darf, als die Haas-Brothers. Merkel persönlich hat sich für das noble Gebein entschieden – allein die Präsentationsmappe der Brüder ist ein Hit.

Apropos Hit: Hitverdächtig sind die beiden wohl geworden, weil sich eine perfekte Trennung einerseits sowie ein reibungsloses Zusammenspiel andererseits ausgebildet hat. Während Friedrich Kunden und Aufträge aquieriert, sorgt Johannes vor Ort für die Betriebskoordination und ein kommunikatives Verankern in  der Region. Jedes weitere Wort über die zahlreichen Tätigkeitsfelder der beiden käme einer Heiligsprechung gleich und sei deswegen vermieden. Wer nun glaubt, es MUSS die große Welt sein, geht fehl. Zwar sind die Komplettausstattung des neuen Dallmayr-Restaurants in München und Großaufträge in Berlin weitere Aushängeschilder, aber die direkte Heimat ist nicht vergessen: Mit dem Bayerisch Gmainer Klosterhof und der Beletage des Predigtstuhls kann sich jeder buchstäblich selbst ein Bild machen, was die Verbindung von Handwerkskunst, Gestaltungswillen und Innenarchitektur vermag. Diese Kompetenzbündelung in einem Betrieb macht das Gespür für die Auswahl der richtigen Mitarbeiter möglich. „Bei uns zählt jeder – die Köpfe brauchen die Hände und die Hände brauchen die Köpfe. Und deswegen sind wir jedem Einzelnen dankbar.“ Aber zwei seien doch erwähnt: Nicht nur Susan hält ihrem Johannes den Rücken frei und arbeitet mit, wo es erforderlich ist. Auch Johannes` Lisa ist wie diese Familiendirigent und Eckpfeiler der Meisterwerker. Beide sind – nur der Vollständigkeit halber erwähnt – Schreinermeister. Und deswegen – wer nachgerechnet hat, wird eine kleine Datums-Schieflage festgestellt haben – fand das Jubelfest zum 60. Jährigen auch erst heuer statt: „Wir hatten unsere Zeit-Versprechen einzuhalten. Da blieb einfach keine Zeit zu feiern.“ Meisterlich – im Anspruch und in der Tat. Da kommt der Spruch schließlich her.

Respekt und Glückwunsch!